Gemeindeforschung - Was ist das?

Während unter "Das Projekt" überwiegend die Projektziele beschrieben werden, befasst sich diese Seite mit den Herangehensweisen und dem Forschungsdesign unser-er Studie. Kirche wird zumeist mit Gott und dem Glauben assoziert, doch sie ist ebenfalls eine weltliche Organisation, die mit wissenschaftlichen Instrumenten untersucht werden kann. Dabei nähern sich die praktische Theologie und die So-zial- oder Wirtschaftswissenschaften dem Thema Gemeinde-bau aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Nachfolgend finden Sie eine kurze Einführung in die Forschungspraxis  sowie ein kleines Lexikon, mit den wichtigsten Fachbegriffen.

Theologie trifft Management

Wer glaubt, Wissenschaft sei nur etwas für Atheisten und Glaube obläge den Einfältigen, der irrt. Die Wissenschaft ist auch für uns Christen ein wertvolles Instrument. Echte, unvoreingenommene Wissenschaft arbeitet stets faktenbasiert mit dem Ziel das vorhandene Wissen zu erweitern. Der gerne generierte Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft ist unsinnig und ein Konstrukt derer, die sich auf den physikalischen und messbaren Teil der Realität beschränken wollen. Andersherum neigen manche Christen zu einer Vergeistlichung und blenden Aspekte der empirisch erfassbaren Realität aus.  Ein häufig auffindbares Phänomen ist beispielsweise das natürliche Festhalten an althergebrachten (Gemeinde-) Strukturen, auch wenn sich diese inzwischen als dysfunktional erweisen. Etablierte, kom-plexe Systeme verhalten sich selbstreferenziell und selbst-erhaltend und können nur weiterentwickelt bzw. verändert werden, wenn sich die Entscheidungsträger innerhalb der Systeme dieser Eigenschaften bewusst sind (vgl. Systemtheorie nach Luhmann). Es bedarf eines aktiven und gezielten Ein-greifens (Change Management).

Kirche kann ebenso wie jede andere Art von betrieblicher Orga-nisation empirisch erfasst und analysiert werden. Auch wenn nicht alle Aspekte der Managementlehre auf sie anwendbar sind, verfügt sie doch über zahlreiche betriebswirtschaftliche Merkmale wie Finanz-, Personal-, Aufbau- und Ablaufstruk-turen. Es gibt ein "Organisationsziel", das durch verschiedene strategische "Maßnahmen" (Gottesdienste, Jugendarbeit, Seelsorge, Evangelisation, Outdoor-Einsätze etc.) und unter begrenzten "Ressourcen" erreicht werden soll. Dies alles legt die Hypothese nahe, dass vielfältige betriebswirtschaftliche Kon-zepte und Theorien auch auf den strategischen Gemeindebau anwendbar sind. (Z. B. Benchmarking, Marketing, Social-Media-Promotion,  Umweltanalysen etc.)

Im Rahmen unseres Projektes nähern wir uns dem strate-gischen Gemeindebau aus der Managementperspektive und möchten herausfinden durch welche konkreten (irdischen) Maßnahmen Gemeindewachstum begünstigt werden kann.

Unser Forschungsziel:

„Wir möchten erfahren welche Arten evangelischer und freievangelischer (Kirchen-)Gemeinschaften existieren und welche davon nachhaltig wachsen und warum.“

Die Begriffe "Gemeinde" oder "Gemeinschaften" sind in ihrer Bedeutung sehr weitläufig. Wir nehmen hier eine klare Eingren-zung vor und wollen ausschließlich Kirchengemeinden und evangelische Gemeinschaften betrachten, die sich zum aposto-lischen Glaubensbekenntnis und der Glaubensbasis der Evan-gelischen Allianz in Deutschland bekennen. Unser Interesse gilt somit hauptsächlich den folgenden Kirchen:

Nach Festlegung des Forschungsziels und der Untersuchungs-gegenstände, muss entschieden werden, welche Informationen für die Erreichung des Forschungsziels relevant sind. Die Vor-bereitung der Datenerhebung und insbesondere die Ent-wicklung konkreter qualitativer und quantitativer Fragebögen, stellen den wichtigsten und aufwendigsten Teil des Projekts dar.

 

Im Dialog mit Professoren, Pastoren, Gemeindeentwicklern und Verbänden etc. muss eine schrittweise Ausarbeitung erfolgen, die immer wieder auf ihre praktische Zielführung gemäß der Forschungsfragen überprüft werden muss. Insbesondere müssen die einzelnen Fragestellungen im Gesamtzusammenhang betrachtet und ihre induktiven und deduktiven Eigenschaften bewertet werden. Aufgrund der Komplexität des Gesamtsystems "Gemeinde" müssen dynamische Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Subsystemen und ihrer Umwelt beachtet und verstanden werden.

 

Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Gemeinden ist eine Klas-seneinteilungen erforderlich, um eine Vergleichbarkeit zwischen den Gemeinden herstellen zu können. Hierbei sind vermutlich vor allem die Gemeindegrößen und Umweltbedingungen von Relevanz. Durch moderne Analysesoftware (SPSS) können zahlreiche Korrelationen ausgewertet und betrachtet werden.

Forschungsdesign
Untersuchungsgegenstand:

1. Thema:

 

Das Forschungsprojekt „Gemeinden lernen von Gemein-den“ beabsichtigt herauszufinden wie evangelische und freievangelische Kirchengemeinden in der heutigen Zeit, erfolgreich Brücken zu den Menschen bauen können. Hierbei sollen die unterschiedlichen Arbeitskonzepte und Gemeindemodelle auf ihre wachstumsfördernden und wachstumshemmenden Eigenschaften untersucht wer-den. Der Fokus liegt auf der Praxisrelevanz und Anwend-barkeit der Erkenntnisse in der täglichen Gemeinde-arbeit. Ziel ist es die Gemeinden zu befähigen mehr Men-schen als zuvor mit dem Evangelium Jesu Christi zu er-reichen und erfolgreich in die Gemeinden zu integrieren.

 

2. Problemanalyse:

Gemeinden und Gesellschaft durchlaufen immer wieder Anpassungsprozesse in Reaktion auf eine sich ständig verändernde Umwelt. Auch in den vergangenen beiden Jahrzehnten, hat sich unsere Kultur und Lebensweise stark verändert. Eine der Hauptursachen hierfür ist die weltweite Vernetzung durch die „neuen Medien“, die einen nahezu unbegrenzten globalen Informationsfluss ermöglichen. Die Lebenswelt des heutigen Menschen endet nicht länger an politischen oder geographischen Grenzen, sondern entwickelt zunehmend einen multi-kulturellen und transnationalen Charakter. 

Doch was geschieht, wenn sich die Gesellschaft schneller verändert, als unsere Kirchengemeinden darauf reagieren können? Was geschieht, wenn die Weltanschauungen von Gesellschaft und Gemeinde sich immer weiter von einander entfernen? In unserer modernen und aufge-klärten Welt scheint es oft so, als habe der Mensch Gott abgehängt. Atheistische und humanistische Ideologien sind weit verbreitet und ihre Anhänger betrachten Kirche zunehmend als veraltet und Gott als eine Märchen-gestalt. Die Selbstverwirklichung des Individuums steht im Mittelpunkt des heutigen Zeitgeistes. Der Mensch will selbstbestimmt und autonom leben und sich nicht durch einen übergeordneten Gott und dessen moralische Wertvorstellungen beschränken lassen, die oft im Konflikt zur eigenen Lebensführung stehen.

Kirche hat zudem ein zunehmendes Image-Problem. Betrachtet man die Darstellung der Kirchen in Film und Fernsehen, begegnen wir häufig den kirchenpolitischen Verfehlungen des Mittelalters sowie unbarmherzigen Pfarrern und Priestern, die Erwachsene und Kinder mit erhobenem Zeigefinger ermahnen, bestrafen oder sogar missbrauchen. Alle diese schrecklichen Verfehlungen, waren nie der Wille Gottes und doch werden sie ihm oft zugerechnet. Moderne Gemeinden sehen sich zudem regelmäßig dem "Sektenvorwurf" ausgesetzt.

 

Die meisten Menschen kennen Gott nicht und haben eine falsche oder zumindest unvollständige Vorstellung von ihm. Die Welt ist schriller und lauter geworden und die sanfte Stimme der Gemeinde wird im Getöse des Alltags. kaum noch vernommen. Wir Christen müssen lernen "lauter" zu werden und Wege zu finden, die der heutige Mensch wahrnehmen, verstehen und annehmen kann. Da "die Welt" kaum noch in die Kirche kommt, muss Kir-che lernen einen Weg in die Welt zu finden. Dies erfordert ein instrumentelles Umdenken und eine gezielte stra-tegische Neuausrichtung, sofern wir den Auftrag Jesu Christi weiterhin gewissenhaft erfüllen wollen. Denn es steht geschrieben: "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung." (Markus 16, 15). Es müssen zeitgemäße und wirksame Instrumente gefunden werden, ohne dabei die biblische Lehre zu manipulieren und dem Zeitgeist zu opfern.

 

3. Hauptforschungsfrage:

 

„Welche Arten evangelischer und freievangelischer (Kirchen-)Gemeinschaften existieren und welche davon wachsen nachhaltig und warum?“

 

Genauer betrachtet beinhaltet die Hauptforschungsfrage bereits drei einzeln zu beantwortende Komponenten. Zusammenfassend soll beantwortet werden, welche Kir-chen und Gemeinschaften, durch welche operativen Maß-nahmen und Eigenschaften (instrumentell und strate-gisch), in der heutigen Zeit die meisten Menschen gewin-nen und dabei dem Wort Gottes treu bleiben. 

Forschungsdesign (Übersicht):

1. Forschungsmethodik:

Jede Kirche und Gemeinde hat eine eigene Identität und ist in unterschiedliche Umwelt- und Rahmenbedingungen eingebettet. Es gilt zunächst die vielfältigen Gemeinde-formen und ihre Eigenschaften zu identifizieren und zu klassifizieren. Durch die entstehende Typologie können die jeweiligen Gemeindeformen von einander abgegrenzt und in homogenen Clustern zusammengefasst werden.

Gemeinden sind als gesamtheitliche Systeme sehr kom-plex, so dass sie zunächst auf der Ebene ihrer Subsysteme untersucht werden sollen (siehe Tabelle unten). Diesem Ansatz geht die Annahme voraus, dass Gemeinden mit vitalen Subsystemen auch erfolgreiche Gesamtsysteme bilden. Die jeweiligen Instrumente und Arbeitsmodelle innerhalb der Subsysteme sollen durch Benchmarking und andere Methoden, mit einander verglichen und gemäß ihrer auftretenden Häufigkeit und Wachstums-relevanz untersucht werden. Es geht die Annahme voraus, dass Arbeitsmodelle innerhalb der einzelnen Subsysteme austauschbar sind und in der Praxis defizitäre Arbeits-modelle durch erfolgreiche ersetzt werden können. Die Umweltbedingungen und Historie hingegen, lassen sich kaum bzw. nicht ändern und müssen als Einflussfaktoren bzw. Ursachen angemessen berücksichtigt werden.

Da die einzelnen Subsysteme sehr unterschiedliche Funk-tionen abbilden, bedarf es individueller Herangehens-weisen. Unsere kooperierenden Hochschulen entwickeln für die Beantwortung der subsystembezogenen Unter-fragen eigene Forschungsdesigns und arbeiten zumeist an Themenblöcken, in denen Sie selbst tätig sind.

2. Datensammlung:

Die Datenerhebung erfolgt in zwei Etappen durch eine Online-Befragung von etwa 300-500 Ortsgemeinden und Hauskirchen. Mit Hilfe der Kirchenverbände könnten eventuell sogar 500-1000 Gemeinden für eine Teilnahme gewonnen werden. Durch dynamisches „Piping“ werden die Gemeinden automatisiert in jene Fragebögen geleitet, die für sie von Relevanz sind. Unpassende Fragen werden aussortiert. Zur Unterstützung wird ein Telefon- und Email-Support eingerichtet. Die Daten zur Umweltanalyse "DISPO©" (Demografie, Infrastruktur, sozio-kulturelles Umfeld, Politik und Ökonomie) werden überwiegend vom statistischen Bundesamt bezogen und den Gemeinden, entsprechend ihrer Standorte zugeordnet (siehe unten).

3. Datenbeschreibung:

Die gesammelten Daten skizzieren multiple Gemeinde-konzepte sowie deren typische Arbeitsmodelle und einge-setzte Instrumente. Die Datenerhebung wird so konzipiert, dass inhaltliche und erfolgsbezogene Vergleiche zwischen den einzelnen Einheiten möglich werden. Die Art der Daten ist überwiegend qualitativ und beschreibt ins-besondere modulare Handlungsfelder und Prozesse. Durch Zuweisung passender Indikatoren werden deren Auswirkungen im Sinne von wachstumsfördernden und wachstumshemmenden Eigenschaften im Vergleich zu alternativen Instrumenten und Prozessen quantifizierbar und skalierbar gemacht. Im Bereich der Ressourcen-bestimmung (wirtschaftlich, technisch und personell) kommen ebenfalls quantitative Methoden zum Einsatz.

4. Analysemethoden

Die Datenverarbeitung erfolgt mit der IBM Software SPSS Statistics. Aufgrund der vielfältigen Inhalte, Module und Entwickler der Studie, kommen vielfältige Analysemetho-den zum Einsatz die je nach Modul sehr unterschiedlich sein können. Nachfolgend einige Beispiele:

 

Quantitative und qualitative  Analyse der Basisdaten:

 

  1. Multivariate Cluster-, Varianz- u. Faktoranalysen.

  2. Qualitative Inhaltsanalysen (deduktiv und  induktiv)

  3. Multilevel Analysen, Multidimensionale Skalierungen

  4. Kontingenzanalysen und Kreuztabellierungen

 

Betriebswirtschaftliche Analysen zur Strategieentwicklung:

  1. Benchmarking

  2. Potenzialanalysen

  3. Kosten-Nutzen-Analysen

   4. SWOT-Analysen

   6. DISPO-Analysen

Subsysteme  in Kirchen und Gemeinden:

1. Ressourcen

Gemeindeleitung

Mitarbeiter

Mitglieder

Finanzen & Kennzahlen

Gebäude & Ausstattung

2. Identität

Gemeindekultur

Homiletik

Liturgie

Musik & Lobpreis

Gebet & Charismen

3. Arbeitsbereiche

Kinder & Jugend

Senioren

Seelsorge & Diakonie

Hauskreise

Kleingruppen (div.)

4. Kommunikation

Face to Face

Social Media

Mission & Evangelisation

Presse & Öffentlichkeit

Stakeholder

 
Kleines Lexikon

1. Was ist eine Definition?

 

Eine Definition ist die Bestimmung eines Begriffs. Die Definition beschreibt demnach die Eigenschaften und Inhalte, die einem bestimmten Begriff zugeordnet wer-den. Eine klare Definition vermeidet Verwechslungen.

 

2. Was ist Forschung?

Forschung ist die methodische Suche nach neuen Er-kenntnissen sowie ihre systematische Dokumentation und Veröffentlichung in Form von wissenschaftlichen Arbeiten.

 

3. Was ist Wissenschaft?

 

Wissenschaft ist die Erweiterung des Wissens durch Forschung, seine Weitergabe durch Lehre, der gesell-schaftliche, historische und institutionelle Rahmen, in dem dies organisiert betrieben wird, sowie die Gesamt-heit des so erworbenen Wissens.

4. Was ist Empirie?

 

Qualitative Empirie sammelt Daten durch Befragungen mit offenen Fragen. Sie beobachtet eher wenige, kom-plexe (Sach-)Verhalte, die dafür jedoch umfassend sind. (Die Ergebnisse müssen interpretiert werden, dies schafft Raum für fehlerhafte Schlussfolgerungen.)

Quantitative Empirie arbeitet oftmals mit geschlossenen Fragestellungen, sie führt Experimente mit definierten Ergebnisoptionen durch. Zumeist betrachtet sie viele Fälle und zählt die Ergebnisse aus. (Klare Ergebnisse)

5. Was ist eine Hypothese?

Eine Hypothese ist eine Aussage, deren Gültigkeit ver-mutet wird,  i.d.R. ein vermuteter Zusammenhang zwi-schen zwei (oder mehr) Variablen (Zusammenhangs-, Unterschieds-, Veränderungshypothese). Eine Hypothe-se ist theoretisch fundiert und empirisch überprüfbar.

6. Was ist eine Theorie?

 

Eine Theorie ist ein System von Aussagen, das dazu dient, Ausschnitte der Realität zu erklären und Prognosen über die Zukunft zu erstellen. Sie entwirft ein Bild der Realität, welches in den Wirtschaftswissenschaften als Modell bezeichnet wird. Modelle werden wesentlich durch die Festlegung des betrachteten „Ausschnitts“ beein-flusst. Theoretische Modelle können empirisch auf ihre Gültigkeit überprüft werden, z.B. durch Beobachtungen, Experimente und statistische Methoden.

7. Was ist Induktion?

Bei der induktiven Forschung wird vom Einzelfall bzw.  von Einzelfällen auf neue Theorien geschlossen (allgemeine Gültigkeit). Es wird davon ausgegangen, dass die Sach-verhalte des Einzelfalls auch für die Vielzahl gelten.

6. Was ist Deduktion?

Bei der deduktiven Forschung wird aus allgemeinen Theorien auf den Einzelfall geschlossen (oder auf neue Theorien). Was für eine Vielzahl gilt, muss demnach auch für den Einzelfall gelten.

7. Was sind homogene Cluster?

Die Clusteranalyse ist ein statistisches Verfahren, bei dem je nach Untersuchungsziel, die Untersuchungsobjekte in möglichst gleichartige (homogene) oder verschiedenartige (heterogene) Gruppen (Cluster) eingeteilt werden. Im vorliegenden Fall soll eine Differenzierung verschiedener Gemeindetypen vorgenommen werden, mit dem Ziel  eine bessere Vergleichbarkeit zu erreichen.

8. Was ist eine Korrelation?

Die Korrelation beschreibt in der Statistik den Zusammen-hang zwischen zwei oder mehr Variablen. Beispielsweise besteht eine starke Korrelation zwischen der Anzahl der Gottesdienstbesucher und der Anzahl benötigter Park-plätze. 

Quellenangaben